
Beim Aufräumen des Dachstocks im ehemaligen «alten Schulhaus» stiessen Verena und Hans Jörg Hänni auf ein Heft mit Aufsätzen, verfasst von Rosina Trachsel. «Wahrscheinlich wurden sie beim Umzug ins neue Schulhaus vergessen», mutmasst das findige Paar. Eine Kollegin von Verena hat die Texte in alter deutscher Schrift in modernes Deutsch übertragen. Hier der 2. Beitrag der Serie.
«Dieses Aufsatzheft gehört mir, Rosina Trachsel von Jaberg, 1858.»: So beginnt das vergilbte Dokument, das man kaum anzufassen wagt. Einzelne Seiten sehen mitgenommen aus («vermutlich von Mäusen angeknabbert», meint Verena), andere sind recht gut erhalten. Allen gemeinsam ist die fein säuberliche Schrift, eintrainiert von einem wohl sehr pedantischen Lehrer.

aufgefunden im alten Schulhaus in Jaberg
Rosina Trachsels Aufsätze widerspiegeln das Geschehen zur damaligen Zeit. Mit erstaunlicher Reife wagt sich die Oberschülerin an Themen, die wohl schon damals als schwierig gegolten haben. Doch lesen Sie selbst und lassen Sie sich ins Jaberg der späten 1850er-Jahre zurückversetzen! Verena und Hans Jörg Hänni danken wir an dieser Stelle bestens für die vorübergehende Überlassung des
wertvollen Zeitdokuments. (red. Bearbeitung: Thomas Feuz).
Aufsatz 4: «Über die Kinderlehre vom 13ten Detz 1857»
Der Inhalt dieser Kinderlehre war der, welche würdig das heilige Abendmahl geniessen, und welche nicht. Welches wir in der 81. Frage (wohl des Katechismus, Anm. tf) sahen. Nämlich diese geniessen es würdig, welche Abscheu haben gegen die Sünde. Aber sie sollen denn nicht verzagen und denken, die Sünde sei zu gross, dass sie nicht mehr Gnade finden, und dadurch nicht zu dem heiligen Abendmahl gehen, sondern sie sollen ein kindliches Vertrauen haben, der liebe Gott werde ihnen die Sünde verzeihen.
Sie sollen auch begehren, ihren Glauben zu stärken, und ihr Leben zu bessern. (…) Bevor man aber zu dem heiligen Abendmahl gehe, soll man sich prüfen, das heisst das Leben mit dem Leben vom Herr Jesus vergleichen, denken, rede ich so, handle ich so, bin ich so, wie Jesus gewesen ist? Die, welche es so machen, geniessen es würdig. (…)
Rosina Trachsel
Aufsatz 5: «… verharrt mit freundlicher Begrüssung»
Lieber Lehrer!
Es ist morgen Thunmarkt. Der Vater und die Mutter gehen nach Thun, und ich gieng gern mit ihnen. Ich hätte sehr nöthig, Thuch zu kaufen für ein Tschööpli, und Holzbodenschuhe. Es friert mich immer an die Füsse in den Lederschuhen. Bei den Schuhen wär es nöthig, dass ich selber dabei wäre, um zu sehen, ob sie an die Füsse passen und das Thuch hätte ich auch gerne selber gesehen beim Kaufen, ob
es mir gefalle.
Sie wollen mich nachlassen, wenn Ihr es mir erlauben wollet, morgen die Schule zu versäumen. Ich möchte Euch anhalten, es zu erlauben. Ich will nachher recht Fleiss haben, und das, was ich versäume wieder nachmachen. Wenn Ihr im Fall etwas zu verrichten habet, so sagt es nur, wir wollen es gern verrichten. Der Vater und die Mutter lassen Euch freundlich grüssen. In der Hoffnung, dass meiner Bitte
entsprochen werde, verharrt mit Wertschätzung und freundlicher Begrüssung.
Rosina Trachsel

Aufsatz 6: «Ihr müsset bis künftigen Sonntag schreiben…»
Kiesen den 18ten Detz 1857
Werther Metzger
Ihr habt unsern Vater gefragt, ob er wieder fette Schweine habe, da hat er Euch gesagt, wie Ihr noch wohl wissen werdet, er habe 2, aber sie seien noch nicht fett, er wolle sie noch haben, bis zu dem Thunmarkt, dann wolle er nach Thun, um zu sehen, was sie gelten.
Nun ist er gestern in Thun gewesen, und hat gesehen, dass sie durchschnittlich 45 bis 50 Rp. gelten, per Pfund. Er hat aber gesagt, er wolle sie Euch per Pfund für 48 Rp. geben. Die eine wiegt 250, die
andere 275 Pfund. Es hat ihm schon ein Metzger dieses geboten, er hat aber gesagt, wenn Ihr sie um diesen Preis wollet, so wolle er sie Euch geben. Ihr müsset uns aber bis künftigen Sonntag schreiben, ob Ihr sie wollet oder nicht. Wenn Ihr sie aber wollet, so müsset Ihr sie künftige Woche holen, sonst giebt er sie dem andern.
Es grüsst Euch freundlich
Rosina Trachsel
Mit Blick auf den letzten Aufsatz hoffen wir, dass Sie, liebe Leserinnen und Leser, zu «diesen» gehören, die ab und zu ein schönes Stück aus Küche und Keller geniessen können!
Thomas Feuz, Jaberg