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Silvia und die Sepsis, Teil 1: Von Popcorn, Glück und Leben

Ich bin Überlebende einer Sepsis. Die Attacke der Bakterien in meinem Körper hätte mich 2024 beinahe das Leben gekostet. Ohne Wissen, aber mit viel Glück habe ich überlebt und erzähle hier meine Geschichte. Möge der eine oder die andere dadurch sensibilisiert werden!

Verabschiedung in die Pension, Juli 2023
Im Juli 2023 verabschiedete sich die geschätzte Schulleiterin Silvia Scheidegger via Rikscha in die Pension.

Ein wunderbarer Sommertag im Juli 2024 in Luzern, die Sonne scheint, die Grillen zirpen, eine Familie feiert den 5. Geburtstag eines kleinen Jungen. Er liebt das Fussballspiel heiss und innig, was sein Grosi natürlich weiss. Sie schenkt ihm zum Geburtstag eine Popcornmaschine in Form eines Fussballs, dazu eine Tüte mit Maiskörnern.

Natürlich will er die lustige Maschine an seinem Geburtstagsfest gleich ausprobieren. Aber was ist denn das? Da fehlt ja die Plastikkuppel, die verhindern würde, dass die heissen Körner herumfliegen. So schade! Alle sind enttäuscht. Zehn Tage später ist der Deckel nachgeliefert, die Popcornmaschine kann endlich ausprobiert werden.

Die Mama schickt dem Grosi ein Video des fröhlichen Geschehens, das mittlerweile wieder zu Hause ist. Stille… keine Reaktion, weder schriftlich noch am Telefon. Irgendwas ist da nicht in Ordnung. Was ist passiert? Der Schwiegertochter fällt ein, dass das Grosi gestern geschrieben hatte, es sei krank.

Fussball-Popcornmaschine
Mit dem Bild dieser Fussball-Popcornmaschine fing alles an.

«Mach dir keine Sorgen», schreibe ich meiner Schwiegertochter. «Ich nehme ein Fiebermittel, lege mich ins Bett und schlafe diese doofe Sommergrippe weg.» Ich bin zu Hause, fühle mich müde, matt und fiebrig, habe Husten, Rücken- und Kopfschmerzen. Eigentlich wollte ich die heissen Sommertage auf dem Campingplatz verbringen, aber egal, ich habe ja jetzt jede Menge Zeit, um mich auszukurieren.

Es wird nicht besser. Könnte es eventuell doch Corona sein? Diese Infektion zirkuliert ja wieder, wie ich gelesen habe. Es ist Wochenende, ich habe keinen Test mehr im Haus. Na gut, wenn ich mich am Montag nicht besser fühle, gehe ich einen Test kaufen, so mein Plan. Eigene Pläne sind gut und recht, aber manchmal hat das Leben ganz andere Pläne geschmiedet…

Auf der Intensivstation

Zweieinhalb Wochen später erwache ich auf der Intensivstation des Inselspitals Bern. Langsam werde ich aus dem künstlichen Koma geholt, hänge an mehreren Schläuchen, kann wieder selbstständig atmen, habe aber keine Ahnung, warum ich im Krankenhaus bin und was ich hier mache. Hatte ich einen Unfall? Wurde ich gar überfallen? Egal, ich bin eh viel zu müde zum Denken, dämmere immer wieder weg. Ich komme auf die Aufwachstation, spüre, dass ich regelmässig von starken Armen im Bett umgedreht werde.

Sonnenuntergang vom Inselspital aus, August 2024
Blick aus Silvias Fenster im Inselspital Bern, samt Sonnenuntergang und Abendstimmung.

Durst! Ich erhalte nur tröpfchenweise Wasser, obwohl es draussen wie auch im Zimmer brütend heiss ist. Der Luftröhrenschnitt lässt richtiges Trinken nicht zu. Ich träume, erfinde Geschichten, begegne Verstorbenen, kämpfe gegen Dämonen, fliege, halluziniere, tauche immer wieder ab. Irgendwann stelle ich fest, dass ich mich nicht richtig bewegen kann. Die Arme kann ich zwar bewegen, die Hände hängen aber wie schwere Steine daran. Die Beine spüre ich und kann die Füsse auch bewegen, aber Stehen oder gar Gehen sind undenkbar. Nicht mal auf dem Bettrand zu sitzen gelingt mir selbstständig. Was ist das? Ich verstehe es nicht…

Meine Familie besucht mich täglich und macht sich riesige Sorgen, zumal die Prognosen nicht besonders optimistisch sind. Sie erzählen mir später von meinem Zusammenbruch zuhause, von der mehr als glücklichen Rettung, von der beunruhigenden Diagnose: Die Ärzte finden heraus, dass ich eine Meningitis (Hirnhautenzündung) und in der Folge eine Sepsis erlitten habe. Meine Entzündungswerte sind bei Einlieferung so hoch, dass meine Organe bereits zu versagen drohen. Erstmal ist Stabilisierung das oberste Gebot. Ob mein Gehirn Schäden davontragen wird, können die Ärzte auf der Intensivstation nicht voraussagen.

Brett auf der Intensivstation im Inselspital
Etwas vom ersten, was Silvia auf der Aufwachstation im Inselspital Bern sah: Bilder ihrer liebsten und Zeichnungen der Enkelkinder.

Auswirkungen des Bakterienansturms

Mein Immunsystem hat also dem Ansturm der Meningokokken nicht standhalten können. Die Bakterien haben sich rasant vermehrt und sich vom Gehirn, wo die Entzündung entstanden ist, im ganzen Körper ausgebreitet. Ich erhalte sofort und über mehrere Monate eine riesige Dosis Antibiotika verabreicht.

Intensive Untersuchungen bringen die bisher entstandenen Schäden zum Vorschein: Im Rücken, dicht neben dem Spinalkanal der Wirbelsäule, finden die Ärzte einen Bakterienherd, ebenso befinden sich Meningokokken in den Kniegelenken und an meiner künstlichen Herzklappe. Auf dem rechten Ohr höre ich nichts mehr, weil die Bakterien die Hörschnecke zerstört haben. Ende August wird die betroffene Bandscheibe an der Wirbelsäule operativ entfernt und durch ein Implantat und Schrauben ersetzt.

Zeichnung der Enkelkinder
Das Grosi im Spitalbett, mit Fernseher und Katheter. Das machte wohl mächtig Eindruck auf das Enkelkind.

Vom Inselspital ins Spital Thun

Im September liege ich im Spital Thun, kann immer noch nicht ohne Sitzhilfe auf dem Bettrand sitzen, mache aber mit Hilfe der Physiotherapeutin erste Stehversuche am Gerät «Eulenburg». Ist das ein unbeschreibliches Glücksgefühl, als ich zum ersten Mal wieder auf den Beinen stehe und spüre, wie «die Knochen aufeinander stehen»! In Wirklichkeit hänge ich zwar wie ein nasser Sack an diesem Gerät, aber das tut meinem Glücksgefühl keinen Abbruch. In den Händen habe ich ein starkes Kribbeln und die Feinmotorik ist nur sehr marginal vorhanden. Ich kann immerhin mit Hilfe des Ergobestecks selber essen.

Eines Tages bringt mir die Ergotherapeutin Papier und Stift mit, weil ich wissen will, ob ich noch schreiben kann. Mit verdrehten und um den Stift geschlungenen Fingern gelingt es mir, wackelige Buchstaben aufs Papier zu malen. Wow! Die Fähigkeit zu schreiben ist noch da, es mangelt «nur» an der Feinmotorik. Wiederum erfasst mich eine Welle von Glücksgefühlen! Schwierig ist auch das Telefonieren. Ich kann zwar im Schneckentempo das Handy bedienen. Bis ich aber das Telefon jeweils vom Tischchen geangelt, es geöffnet und den richtigen Button gedrückt habe, ist das Klingeln schon lange vorbei. Vom Schreiben von Nachrichten sehe ich bald ab, es ist viel zu mühsam.

Sonnenuntergang vom Spital Thun aus gesehen Sept. 2024
Ein weiterer Sonnenuntergang, hier vom Spital Thun aus, mit prächtigem Blick aufs Schloss.

Sepsis – Was ist das?

Eine Meningitis und eine Sepsis? Also eine Blutvergiftung? Ich hatte mich doch nirgends verletzt und einen der berühmtberüchtigten roten Striche hatte ich auch nicht. So dachte ich, als ich von meiner Diagnose hörte. Aber ich hatte ja keine Ahnung… Als Betroffene lernte ich nach und nach mehr über das Krankheitsbild der Sepsis.

Gemäss Geoportal des Bundes geo.admin.ch werden jährlich über 20’000 Patientinnen und Patienten mit einer diagnostizierten Sepsis in Spitälern behandelt. Knapp ein Fünftel davon, 4000 Personen, sterben daran. Es handelt sich somit um einen ebenso schwerwiegenden und häufigen medizinischen Notfall wie Schlaganfall oder Herzinfarkt.

Rehabilitation

Nach insgesamt zwei Monaten Spitalzeit steht die Frage nach der richtigen Folgebehandlung im Raum. Ich benötige eine neurologische Reha und bekomme glücklicherweise die Zusage für die Aufnahme ins Paraplegikerzentrum Nottwil. Ich bleibe ein halbes Jahr dort, lerne die Mobilität des Rollstuhls kennen, die mir einen Teil meiner Selbstbestimmung und Freiheit zurückgibt. Ich lerne mit viel Anstrengung sehr langsam auch wieder das Stehen und das Gehen, am Rollator wie auch an Krücken.

Während meiner Krankheitszeit musste ich lernen, die Kontrolle abzugeben und mich in Geduld zu üben. Der vermeintlich unbegrenzten Mach- und Planbarkeit wurden Grenzen gesetzt. Ich lernte die Schönheit in den kleinen, einfachen Dingen zu erkennen und das Glück in den allerkleinsten Fortschritten zu sehen und mich daran zu erfreuen.

Alles in allem habe ich mehrfach riesiges Glück gehabt. ICH LEBE…

Ich lebe dank den vielen wunderbaren RettungssanitäterInnen, Ärzten, Ärztinnen und Pflegenden in den Spitälern Insel Bern und Thun und im Paraplegikerzentrum SPZ. Ich lebe dank meiner Familie, dank meiner Vermieterin und dank meinen Freunden.

Ich hätte ja nie gedacht, dass mein Leben mal an einem seidenen Faden in Form eines Popcornmaschinenbildchens hängen könnte…

Ring des Lebens SPZ, Nov. 24
Im November 2024 ging es für Silvia Scheidegger ins Paraplegikerzentrum SPZ. Damals lag sogar noch Schnee.
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