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Das Seifenkistenrennen – ein Dorfprojekt

Gemeinsam können wir Berge versetzen: Das zeigte sich beim Projekt Seifenkistenrennen, das aus einer einfachen Idee für ein Wahlfach entstand und zum Projekt heranwuchs. Es begeisterte immer mehr Leute, die auch bereit waren, mitzuhelfen. Am Schluss fand ein grosses Seifenkistenrennen in unserem Dorf statt, gemeinsam gestemmt von Jugendlichen, Eltern, Lehrpersonen, der IG Seifenkisten Derby Schweiz und Sponsoren. Zur Nachahmung empfohlen!

Samstag, 30. Mai 2026 in Gerzensee, etwas Ungewohntes geht vor sich: Strohballen werden entlang der Belpbergstrasse platziert, Abschrankungen und Lautsprecher aufgestellt. Ein Kastenwagen mit Anlage und Mikrofon nimmt seinen Platz ein. Auf dem Parkplatz vor dem Feuerwehrmagazin werden Partyzelte aufgestellt. Kleine, feine Fahrzeuge werden darunter auf Geschwindigkeit getunt und auf Hochglanz poliert. Viele ZuschauerInnen stellen sich schon morgens an einem Schattenplätzchen in gute Position. Das Rennen wird von den «Chiubi Gigle» in ihrer Badewannenmegaseifenkiste eröffnet. Danach kommt bereits der erste von Kindern gebaute Flitzer um die Kurve, der Fahrer professionell hinter das Steuerrad geduckt, um auch ja das letzte Quentchen Geschwindigkeit aus der Kiste zu holen…

Vollgas!

Von der grossen Begeisterung…

Alles begann im Januar 2025 mit einer Idee und einer Frage. «Kannst du dir vorstellen, im nächsten Schuljahr das Wahlfach Seifenkistenbau anzubieten?», fragte der Schulleiter den Werklehrer Thomas Mäder. Dieser war sofort begeistert von der Idee und sagte zu. Sage und schreibe 23 Kinder und Jugendliche des 5. bis 9. Schuljahrs meldeten sich später für dieses Angebot der Schule an.

Der Platz im Werkraum ist für so viele KursteilnehmerInnen und für so grosse Werkarbeiten doch arg begrenzt. Es wurde entschieden, dass Gruppen von drei bis vier SchülerInnen gemeinsam je eine Seifenkiste herstellen sollten. Die fachliche Begleitung der Baugruppen war intensiv. Ein Aufruf um Unterstützung bei Pensionierten brachte Max Tschannen und Ueli Ahlig ins Team.

Die Kosten für das benötigte Material schraubten sich schnell in die Höhe. Allein die Räder für eine einzige Seifenkiste kosten 300 bis 400 Franken. Der Lehrer begann auf Plattformen nach gebrauchten, alten Seifenkisten Ausschau zu halten und wurde fündig. Er holte die ersteigerten Seifenkisten ab und brachte sie zur Modifizierung oder auch als Bestandteillager in die Schule.

Seifenkisten müssen irgendwo ausprobiert und gefahren werden können. Warum nicht an einem Rennen, sagte sich ein Team aus Lehrern, Hauswart und Mitgliedern der Bildungskommission. Man nahm Kontakt auf mit der Interessengemeinschaft Seifenkisten Derby Schweiz. Die IG ermutigte nach einer Streckenbesichtigung das Team in Gerzensee, doch ein eigenes Rennen unter ihrer Schirmherrschaft auf die Beine zu stellen. Die Gruppe fuhr nach Schwendibach, um sich das dortige Rennen in Action anzuschauen und wertvolle Tipps zu sammeln. Die Hilfe der IG war bereits versprochen, ebenso die Unterstützung von «Schweiz bewegt».

Um aber einen Anlass in dieser Grössenordnung zu stemmen, brauchte es mehr. An den Elternabenden im Herbst fragte der Lehrer, wer allenfalls mithelfen würde. Das Echo war überwältigend! Das Fazit des Teams war: Ja, wir wagen es, zusammen gelingt uns das Projekt Seifenkistenrennen Gerzensee!

. . . zum Grossanlass

Die Kinder und Jugendlichen bauten, konstruierten und designten ihre Seifenkisten jeweils am Mittwochnachmittag in der Schule. Sie waren sehr motiviert, ideenreich und begeistert bei der Sache. Gleichzeitig begannen die Planungsarbeiten für das Rennen. Sponsoren wurden gesucht und zahlreich gefunden. Das hiesige Gewerbe unterstützte das Projekt äusserst grosszügig in Form von Material, Arbeitskraft und finanziellen Beiträgen. Die «Chiubigigle» Kirchdorf sagten ihre tatkräftige Mithilfe zu. Die Werbetrommel wurde kräftig gerührt und sämtliche Bewilligungen für die Strassensperrung und die Bewirtung eingeholt. Die IG Seifenkisten Derby Schweiz übernahm die schweizweite Ausschreibung und die Administration. Sie war auch verantwortlich für den Parcours und die Zeitmessung. Nicht zuletzt musste das Team die Strohballen und Abschrankungen zur Sicherheit organisieren.

Das Fahrerlager.

Schlussendlich arbeiteten ca. 100 Personen für den Anlass: 45 Schülerinnen und Schüler und ihre Lehrpersonen, 40 Erwachsene aus der Region und die Leute der IG Seifenkisten Derby Schweiz. Die Zusammenarbeit von so vielen Menschen ist anspruchsvoll und bedingt eine gute Koordination und Leitung.

Wie Profis!

Sage und schreibe 67 Anmeldungen gingen bis zum Renntag ein, 20 FahrerInnen aus Gerzensee, 47 aus der übrigen Schweiz. Am 30. Mai 2026 war es dann endlich soweit: Das Rennen konnte bei besten Bedingungen und idealem Wetter stattfinden. Den ganzen Tag wurde leidenschaftlich mit den Seifen-kisten gefahren, wurden Zeiten genau gemessen und Ranglisten akribisch erstellt. Am späteren Nachmittag fand die Siegerehrung in den verschiedenen Kategorien statt.

Ziel erreicht, bravo!

Woher kommt das Wort «Seifenkistenrennen»?

Der Begriff Seifenkiste stammt aus den USA der 1930er-Jahre. Kinder, die sich kein richtiges Fahrrad oder Spielzeug leisten konnten, bauten ihre ersten Rennflitzer aus einfachen Holzkisten. Diese Kisten wurden damals von grossen Firmen zum Transport von Seife verwendet und «soap boxes» (Seifenkisten) genannt. Später wurden auch in Europa «Autos» aus Holzkisten gebaut. Die Derbys nannte man Seifenkistenrennen.

Das erste Seifenkistenrennen in Gerzensee war ein grosser Erfolg, es war ein wunderbarer Anlass für Gross und Klein, ein sehr ambitioniertes Projekt, bei dem die Jugendlichen wertvolle Lebenserfahrungen sammeln durften. Möglich wurde der Anlass aber erst dadurch, dass sowohl die Eltern, als auch die Jugendlichen, die Lehrpersonen und die Dorfbevölkerung für ein gemeinsames Ziel eng zusammenarbeiteten. Ihnen allen gebührt ein riesiges Dankeschön! Solch breit getragene, übergreifende Projekte sind eine enorme Bereicherung für das Dorfleben und dürfen bei Gelegenheit gerne wiederholt werden.

Silvia Scheidegger,Gerzensee. Fotos: Silvia Scheidegger und Thomas Mäder

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