Ich bin Überlebende einer Sepsis. Die Attacke der Bakterien in meinem Körper hätte mich 2024 beinahe mein Leben gekostet. Ohne Wissen, aber mit viel Glück habe ich überlebt und erzähle hier meine Geschichte. Möge der eine oder die andere dadurch sensibilisiert werden!
Lesen Sie hier Teil 1 von Silvias Geschichte.

Mit dem Krankentransport wurde ich am 23. September 2024 vom Spital Thun nach Nottwil ins Paraplegikerzentrum gefahren. Der Empfang war sehr warmherzig und ich erhielt ein Zimmer mit wunderschöner Sicht auf den Sempachersee. Meine Gefühle waren dennoch sehr durchzogen. Was kommt jetzt auf mich zu? Bin ich hier am richtigen Ort? Wie lange werde ich hier sein? Ich fühlte mich in diesem Moment ziemlich verloren.
In den ersten Tagen fanden unzählige Untersuchungen statt. Bereits am zweiten Tag kamen eine Physiotherapeutin und eine Ergotherapeutin und begannen mit einfachen Übungen. Etwas später kurvte die Ergotherapeutin mit einem Rollstuhl um die Ecke, den ich nun benutzen durfte. Ich wurde in den Rolli transferiert und durfte draussen im Gang erste Entdeckungsfahrten machen. So ein tolles Gefühl nach drei Monaten Liegezeit. Mobilität gleich Freiheit! Der Rollstuhl bedeutete mir so viel. Ich konnte selber durch die Gänge rollen, konnte mich von den Enkelkindern schieben lassen, konnte runter in die Cafeteria oder bei schönem Wetter sogar die Umgebung draussen erkunden.
Von Beginn weg hatte ich täglich ein volles Therapieprogramm: Physiotherapie, Ergotherapie, Rollstuhltraining, Krafttraining, Tischtennis, Gespräche mit einer Psychologin, Gespräche mit der Sozialberatung, aber auch Musiktherapie sowie Kunsttherapie. Später kamen noch Training im Therapiebad und robotikunterstütztes Training auf dem Lokomat dazu. Dazwischen immer wieder Arztbesuche oder Kontrolluntersuchungen. Die Rehabilitation am SPZ ist interdisziplinär und ganzheitlich aufgebaut, sie bietet Raum und Zeit für die Heilung des Körpers, aber auch Geist und Seele finden Raum und Zeit für die Verarbeitung des Erlebten.
Fischtherapie
Ich hatte vom Sturz respektive vom langen Liegen immer noch eine grosse offene Wunde auf der linken Flanke, einen sogenannten Dekubitus. Diese Wunde musste geschont werden und Sitzen im Rollstuhl war nicht unbedingt das Beste dafür. Leider war dadurch meine Rollstuhlzeit auf 2 mal 2 Stunden pro Tag beschränkt.
Eine plastische Chirurgin sah sich die Wunde an und sagte, dass es noch ca. ein Jahr dauern würde, bis die Stelle selber zugewachsen sei. Die Heilung dauere bei solchen Wunden sehr lange. Man könnte aber auch operieren. Vorher aber würde sie gerne noch eine Fischhauttherapie machen.
Fischhauttherapie? Davon hatte ich noch nie gehört. Ich machte mich also kundig. Das ist eine relativ neue Therapie, in Nottwil arbeiteten sie damals gerade mal zwei Jahre damit. Feinstens präparierte Haut vom Kabeljau aus Alaska wird in eine Wunde gelegt. Diese Fischhaut löst sich langsam auf und dadurch wird das Gewebewachstum angeregt. Gesagt, getan, bei mir wurde es so gemacht und mit einem Vakuumverband abgeschlossen. Die Fischhaut wirkte tatsächlich. Aber wie könnte es anders sein: Es kam auch jetzt wieder etwas anderes dazwischen.

Herz-OP und 4 Wochen Bettruhe
Meine künstliche Herzklappe, die ich seit 12 Jahren hatte, stellte natürlich für die Meningokokken ein «tolles» Angriffsziel dar. Sie hatten den Rand des Herzens befallen und deswegen flatterte die Aortaklappe im Blutstrom und konnte nicht mehr richtig schliessen. Das Flattern war seit August immer stärker geworden, wie anlässlich einer Untersuchung festgestellt worden war. Der Chefarzt der Abteilung kam an einem Sonntag Ende Oktober zu mir, erklärte mir ausführlich die Lage und sagte, dass man dringend eine Operation am Herzen machen müsse. Weil das SPZ keine Herz-OPs macht, hatte er bereits mit den Spezialisten der Insel Kontakt aufgenommen. Ich gab meine Zustimmung und schon am Dienstag ging es zurück nach Bern ins Inselspital.
Eine Woche lang wurde ich dort gründlich untersucht und vorbereitet, bevor die Kardiologen die Operation am offenen Herzen vornahmen. Der Herzrand wurde geflickt und ich erhielt eine neue Herzklappe. Nur eine Woche nach der OP in Bern wurde ich vom Krankentransport wiederum nach Nottwil gebracht und durfte sogar mein vorheriges Zimmer mit Aussicht wieder beziehen. Die Ärzte in der Insel hatten ein sog. Schema mitgegeben, also eine strikte Anleitung zur Schonung der Arme und des Oberkörpers, bis alles verheilt war. Das bedeutete drei Monate lang keine Lasten heben und auch keinen selbstständigen Transfer in den Rollstuhl.

Und da war ja auch noch die offene Wunde an der Flanke, der hässliche Dekubitus. Die Fischhauttherapie hatte das Wachstum des Gewebes zwar etwas angeregt, aber es war noch zu wenig. Die Wunde musste also operativ geschlossen werden, was eine Bettruhezeit von vier Wochen nach sich ziehen würde. Ich wollte dies so schnell wie möglich machen lassen, da ich mich wegen der Herz-OP ja sowieso schonen musste. Die plastische Chirurgin setzte die OP gleich in den nächsten Tagen an, alles ging gut. Nun hiess es liegen, liegen, liegen und zwar nur flach auf dem Rücken oder auf der rechten Seite. Ausschliesslich während der Mahlzeiten durfte ich den Kopfteil des Bettes 30 Grad anheben. Das waren lange vier Wochen!
Festtage im Kreis der Familie
Eine Woche vor Weihnachten war die Bettruhe vorbei, endlich! Ich durfte wieder – mit Hilfe beim Transfer wegen des immer noch gültigen Herz-Schemas – in den Rollstuhl sitzen und selber im SPZ herumfahren. Wie wunderbar war es, all die Weihnachtsdekorationen zu entdecken, an den Spielabenden teilzunehmen, mit den anderen Bewohnern im Gemeinschaftsraum zu essen oder in der Cafeteria die Familie zu treffen.
Weihnachten ist eine emotionale Zeit, auch und gerade wenn man nicht zu Hause sein kann. Meine liebe Familie organisierte extra für mich in einem Haus von Bekannten im Quartier nebenan eine Weihnachtsfeier. Der SPZ-Ausgangsschein war schnell gelöst und los ging’s – zum ersten Mal seit Monaten war ich für ein paar Stündchen wieder ausserhalb des SPZ-Areals. Es war eine unbeschreiblich schöne Weihnachtsfeier im Kreise meiner Familie, es fühlte sich so sehr nach Normalität an!
Silvester verbrachte ich im SPZ bei einem köstlichen Festmahl, zusammen mit lieben Bekannten. Während der Altjahrswoche fanden keine Therapien statt, es ging erst nach den Festtagen wieder los mit dem Training. Im Januar 2026 lief endlich die Schonzeit wegen der Herz-OP ab. Ich durfte nun den Transfer in den Rollstuhl wieder alleine machen und stundenlang sitzend verbringen. Das Training wurde intensiviert. So stand zum Beispiel jeden zweiten Tag das überwachte, lange Intervall-Training auf dem Fahrrad an.
Planungen für die Zeit danach
Das Paraplegikerzentrum SPZ hat es sich zum Ziel gesetzt, für alle Patienten eine individuell angepasste Lösung für das Leben nach dem Aufenthalt gestalten zu helfen. Dies betrifft die Wohnsituation, die Wiedereingliederung in den Arbeitsprozess, die Therapiemöglichkeiten, die Mobilität. Weil zum Beispiel bauliche Veränderungen sehr viel Zeit in Anspruch nehmen, beginnt die Planung relativ früh. Bei mir stellte sich die Frage, ob ich wieder in meine Wohnung in Gerzensee zurückkehren und selbstständig wohnen könne. Weil ich das im Dezember noch nicht entscheiden konnte, planten wir, dass ich vorerst bei meiner Schwester und meinem Schwager in Einigen einziehen würde. Für ihre Grosszügigkeit und Fürsorge bin ich den beiden ewig dankbar.

Und wie war es mit dem Autofahren? Ich musste verschiedene Bedingungen erfüllen, damit ich mein Permis weiter nutzen durfte. Beim Psychologen musste ich eine Stunde lang verschiedenste kognitive Tests machen. Der Verkehrsarzt prüfte mein Sehvermögen und die Reaktionsfähigkeit. Die Kraft war ebenfalls ein Thema, ich musste mit mindestens 50kg Druck auf die Bremse treten können. Beim Übungsauto konnte ich das Ein- und Aussteigen mit Rollstuhl und Rampe üben. Schlussendlich gab es eine Fahrstunde mit einem Fahrlehrer. Wow, selber am Steuer sitzend durch das Dorf Nottwil zu fahren war so ein überwältigendes Gefühl von Normalität und Freiheit! Auf alle Fälle hatte ich danach alle Unterlagen zusammen und musste nur noch auf das Ok des Strassenverkehrsamtes in Bern warten.
Übung in der Stadt und in der Wohnung
Im Februar machten wir einen Stadtausflug nach Luzern. Mit Rolli, Zugfahrzeug Swiss-Track und vielen Begleitpersonen fuhren wir mit dem Zug nach Luzern. Das SPZ ist ja ein Gebäude und eine Umgebung, die völlig barrierefrei und den Menschen mit Einschränkungen angepasst ist. In der «freien Wildbahn» ist das längst nicht so, obwohl es bereits viele Bauvorschriften gibt. Die Hindernisse beim Zugfahren sind bereits immens, das Einsteigen ist anspruchsvoll, das Aussteigen nicht an allen Stationen möglich.
Wir fuhren mit dem Lift im Bahnhof, rollten zur Kapellbrücke und nutzten die dortige Spezialplattform mit Lift zur Überwindung der wenigen Treppenstufen. Das Fahren auf Kopfsteinpflaster oder das Überwinden von Trottoirkanten waren ebenfalls Herausforderungen. Vor der Rückkehr nach Nottwil genehmigten wir uns einen Kaffee im Bahnhofrestaurant. Am Buffet einen Kaffee bestellen, wenn man auf der Augenhöhe eines Kindes sitzt? Und wie soll man den Kaffee von der Theke zum Tisch bringen? Das alles waren Alltagserfahrungen, die für die kommende Zeit sehr hilfreich waren.

Anfangs März 2025 durfte ich eine Woche in der Übungswohnung im SPZ verbringen. Das ist eine angepasste Zweizimmerwohnung, in der man selbstständig wohnt, sich pflegt, übernachtet, kocht etc. Für den Notfall wäre immer jemand von der Station erreichbar, was einem Sicherheit gibt. Der selbstständige Einkauf im Dorf gehört auch dazu. Ich fuhr also mit Ausgangsbewilligung, Rollstuhl und Swiss-Trac los zum Laden.
Was für ein Gefühl, nach Dreivierteljahren wieder mal selber Sachen einkaufen zu können! Da spielte es nur eine kleine Rolle, dass ich Waren oben im Gestell nicht selber ergreifen oder dass ich an der Kasse nur sehr langsam einpacken konnte. Die Woche in der Übungswohnung war auf jeden Fall eine supergute Vorbereitung für die Zeit nach dem Austritt.

Abschied und Neubeginn im Alltag
Am 27. März 2025 war es soweit, der Tag meines Austritts war gekommen. Mit einem lachenden und einem weinenden Auge verabschiedete ich mich von den Mitpatienten, den Pflegenden, den ÄrztInnen. Immerhin war das Paraplegikerzentrum SPZ ein halbes Jahr lang mein Zuhause. Ich habe dort viele Beziehungen aufgebaut und mich gut aufgehoben und sicher gefühlt. Ich freute mich aber auch sehr auf das, was nun kommen würde.
Bei meiner Schwester gab es am ersten Abend bereits ein wunderbares Willkommen von meiner ganzen Familie. Ich lebte mich ein, genoss alles, was ich lange nicht mehr gehabt hatte. Ich war aber gleichzeitig auch sehr emotional und nah am Wasser gebaut, was ich von früher her nicht kannte. Ich merkte, dass ich die Emotionen und deren Verarbeitung völlig unterschätzt hatte. Nicht nur der Körper braucht viel Zeit für die Genesung, auch das Gefühlsleben muss heilen können. Es dauerte nochmal ein paar Monate, bis ich emotional wieder stabiler war.
Mir geht es heute gut, ich lebe wieder selbstständig in meiner vorherigen Wohnung. Es geht alles etwas langsamer als vor der Krankheit und ich brauche mehr Erholungszeit. Ich kann ein paar Schritte «unrund» gehen, benutze zur Sicherheit meist den Rollator oder die Krücken. Ich musste zum Glück keine Amputationen erleiden wie so manche andere von Sepsis Betroffene. Nach wie vor gehe ich wöchentlich je einmal in die Physiotherapie und ins medizinisch-technische Training.
Während meiner Krankheitszeit musste ich lernen, die Kontrolle abzugeben und mich in Geduld zu üben. Der vermeintlich unbegrenzten Mach- und Planbarkeit wurden Grenzen gesetzt. Ich lernte die Schönheit in den kleinen, einfachen Dingen zu erkennen und das Glück in den allerkleinsten Fortschritten zu sehen und mich daran zu erfreuen.
Alles in allem habe ich mehrfach riesiges Glück gehabt. ICH LEBE…
Ich lebe dank den vielen wunderbaren RettungssanitäterInnen, Ärzten, Ärztinnen und Pflegenden in den Spitälern Insel Bern und Thun und im Paraplegikerzentrum SPZ. Ich lebe dank meiner Familie, dank meiner Vermieterin und dank meinen Freunden.














