Wasserbauprojekt zwischen Thalgut und Münsingen
Sicher sind Ihnen die Baustellen am östlichen Aareufer zwischen dem Thalgut und Münsingen aufgefallen. Sie sind nun weg und das Projekt wird bald abgeschlossen sein. Geschaffen wurde einerseits ein lückenloser Hochwasserschutz für Infrastruktur und Siedlungen östlich der Aare. Andererseits wird eine neue, ökologisch wertvolle und auch für Wanderer abwechslungsreiche Auenlandschaft entstehen. Das Projekt gilt als modern und vorbildlich.

Um das aktuelle Wasserbauprojekt zu verstehen, muss man etwas in die Geschichte zurückblicken: Bis Anfang des 18. Jahrhunderts floss die Kander noch zwischen Thun und Uttigen in die Aare. Bei Hochwasser brachte sie oft viel Geschiebe (= Sand, Kies) aus dem Simmen- und Kandertal mit; dieses lagerte sie z. B. im Bereich der Thuner Allmend ab, was immer wieder Überschwemmungen bei Thierachern, Uetendorf, Uttigen und Kiesen verursachte und zur bitteren Armut in diesen Gegenden beitrug. Mit dem berühmten Kanderdurchstich (1711 bis 1714) wurde der wilde Bergbach deshalb in den Thunersee umgeleitet und lagerte sein Geschiebe fortan im «Chandergrien» ab.
Aber damit waren die Überschwemmungen weiter unten im Aaretal leider noch nicht vorbei, eher im Gegenteil. Deshalb wurde die damals noch breit aufgefächert fliessende Aare vor etwa 200 Jahren in mehreren Etappen korrigiert, d. h. in einen etwa 50 m breiten Kanal gezwängt. Das brachte den Menschen viele Erleichterungen, u. a. einfachere Schifffahrt, Gewinn von Kulturland und einen sicheren Schutz vor Überschwemmungen. Aber im engen Kanal floss das Wasser nun schneller und riss mehr Kies und Steine von der Flusssohle mit sich: Um 0,5 bis 2 cm pro Jahr frass sich die Aare seither in den Boden hinein – dies natürlich auch, weil der Geschiebe-Nachschub der Kander fehlte. Entsprechend wurden Bauwerke im und am Wasser unterspült und damit unwirksam oder gar gefährlich (Verbauungen, Brückenpfeiler…). Auch die Schützenfahrbrücke war von diesem Phänomen betroffen und musste 2025 hauptsächlich wegen Unterspülung ihrer Pfeiler erneuert werden (siehe auch SEE-SPIEGEL 3/23). Nach und nach sanken ausserdem die Grundwasserspiegel im Umland der Aare ab, und damit ging Trinkwasser verloren.
Damit sind die wichtigsten Gründe umrissen, die das Tiefbauamt des Kantons Bern 2022 bewogen, ein etwa 14 Mio. Franken teures Wasserbauprojekt für die Strecke vom Thalgut (Wichtrach) bis Münsingen aufzugleisen (der Bund hat inzwischen 80% der Kosten übernommen).
Grundidee: «Aufweitung»
Die Grundidee dabei, wie sie zuvor auch schon im Bereich Hunzikenau/ Rubigen verfolgt worden ist: die Aare soll wo möglich und sinnvoll «aufgeweitet» werden, d.h. sie soll in der Breite wieder mehr Platz bekommen, diesen (und nur diesen!) bei Hochwasser überfluten und dadurch im Lauf der Zeit eigendynamisch gestalten. Dadurch soll eine ökologisch vorteilhafte Auenlandschaft entstehen, die auch für Erholungssuchende attraktiv wäre.
Da so das Wasser langsamer fliesst, wird mehr Geschiebe (Sand, Kies) liegenbleiben; das sollte zur Folge haben, dass mehr Aarewasser ins Grundwasser infiltriert und so wieder mehr Trinkwasser entsteht. Um dies zu unterstützen, wird das Geschiebe der Zulg wieder in die Aare geleitet; die Mündung der Zulg in die Aare übrigens soll in wenigen Jahren in einem eigenen Projekt aufgeweitet werden.

Aber natürlich muss auch der Hochwasserschutz sichergestellt sein: Ein Schutzdamm entlang der Autobahn soll die östlich gelegenen Infrastrukturen (inkl. die neue, grössere Trinkwasserleitung der Stadt/Region Bern, siehe auch SEE-SPIEGEL 3/25) selbst vor einem Hochwasser schützen, wie es statistisch nur etwa alle 100 Jahre vorkommt. Dass in dieser Hinsicht Lücken bestanden, offenbarte sich auch in den Hochwassern von 1999 und 2005. Linksufrig, am Fuss des Belpbergs, waren keine Hochwasserschutzmassnahmen erforderlich. Rechtsufrig sind zunächst die 50 bis 150 Jahre alten, teils unterspülten und nicht mehr richtig wirksamen Uferverbauungen komplett rückgebaut worden. Sodann waren Waldrodungen nötig (ca. 200 Bäume). Um diese zu vereinfachen und zu beschleunigen, kaufte der Kanton das betroffene Waldareal auf. Die Abholzung sah massiv aus, weil sie gleichzeitig Platz für den schlafenden Blockverbau (s.u.), die erneuerte Trinkwasserwasserleitung und für den Hoch-wasserschutzdamm schaffen musste. Das gerodete Holz konnte aber gleich vor Ort verwendet werden, u. a. für Holzbuhnen (s.u.). Der Wald wird nach Abschluss der Bauarbeiten wieder aufgeforstet, wo dies möglich und sinnvoll ist; entstehen wird aber kaum mehr ein Hochwald wie vorher, sondern eher ein lichter Auenwald.
Moderner Uferschutz

Am Anfang des Projektperimeters (am nächsten zur Thalgutbrücke, in der Grafik 2 ganz rechts) sind Autobahn und die erneuerte Berner Trinkwasserleitung nur wenige Meter von der Aare entfernt. Hier ragen neu drei sogenannte Blocksteinbuhnen ins Wasser hinaus.

Eine der drei Blocksteinbuhnen. Die oberste (etwa gegenüber dem Thalgut) ist speziell ausgeführt, nämlich so, dass auch mal ein Boot gewassert werden könnte und die Feuerwehr eine Pumpe aufstellen kann.
Das sind raue, künstliche Strukturen aus schweren Natursteinen, welche die Strömung vom Ufer weglenken und so Seitenerosion verhindern sollen. Zwischen den Buhnen hat es ruhigere Wasserzonen, in denen sich Sedimente ablagern, während die starke Strömung an der Buhnenspitze Vertiefungen schafft (Kolke), die den Fischen als Rückzugsorte dienen sollen.
Im Anschluss an die drei Steinbuhnen verhindert auf einer Länge von ca. 150 m ein sogenannter wilder Holzlängsverbau die Seitenerosion. Diese wilden Holzbuhnen bestehen aus künstlich verkeilten Baumstämmen (aus der genannten lokalen Waldrodung stammend). Auch diese Holzstrukturen bieten nebenbei für Fische ökologisch wertvolle Nischen.

Wilder Holzlängsverbau, bestehend aus den vor Ort gerodeten Bäumen. Hier noch im Bau. (Fotos: wt)
Dann folgt eine längere Strecke ganz ohne harte Uferverbauungen. Hier darf sich die Aare durch seitliche Erosion bis etwa 50 m an den Hochwasserdamm heran verbreitern, dabei immer wieder neue Wege suchen, Kies- und Sandbänke verschieben und so mit der Zeit eine Aue bilden.

Hier wird die Aare mit der Zeit selber eine Aue bilden. Auen nennt man den natürlichen Überschwemmungsbereich entlang eines Flusses oder Baches; er ist geprägt durch den ständigen Wechsel von Hoch- und Niedrigwasser und bildet besonders fruchtbare und artenreiche Lebensräume.
In diesem Bereich würde erst dann ein künstlicher Seitenerosionsschutz eingebaut, wenn sich die Aare tatsächlich allzu breit machen sollte. Ob, wann und wo das der Fall sein könnte, weiss heute niemand. Allfällig nötige Interventionsmassnahmen sind aber planrechtlich bereits bewilligt, damit sie bei Bedarf rasch und ohne grosse Verfahren umgesetzt werden könnten.

Aus solchen Seitenarmen soll künftig wieder mehr Wasser versickern und das Grundwasser vermehren. Im Wald sind aber auch kleine Gruben ausgehoben worden, die sich im Frühling bis Sommer mit Grundwasser füllen und Amphibien zum Laichen dienen sollen.
Am Ende der Aufweitung befindet sich ein massiver, sogenannter schlafender Längsverbau. Er hat die Aufgabe, das Wasser in jedem Fall wieder in das ursprüngliche Flussbett zurückzuleiten. Sollte sich die Aare eigendynamisch zu heftig aufweiten, wird die Seitenerosion spätestens bei dieser Reihe von sehr grossen, bis 4 t schweren Felsbrocken gestoppt. Dies auch, weil unmittelbar im Anschluss die Schutzzone der Trinkwasserfassungen Schützenfahr beginnt; diese sollte dank der oberliegenden Aufweitung genügend mit Grundwasser versorgt werden. «Schlafend» nennt man den Blockverbau übrigens, weil er eingegraben ist und erst sichtbar würde, wenn ihn die Aare freilegt.

Und die Wege?
- Für Wanderer, die einen permanent durchgehenden, sicheren Weg bevorzugen, oder für Eltern mit Kinderwagen usw. ist am Rande des künftigen Auenwaldbereichs ein neuer Weg erstellt worden, weiter landeinwärts als der frühere.
- Entlang des ursprünglichen Ufers verläuft nur noch ein schmaler Trampelpfad, der auch mal überschwemmt werden und je nach neu entstandenen Kiesbänken seinen Verlauf ändern kann («Betreten auf eigene Gefahr»).

Der neue Trampelpfad verläuft nahe am alten Flussbett. Er kann überschwemmt werden und auch mal seinen Verlauf ändern. (Fotos: Tiefbauamt des Kt. Bern)
- Und auf dem Hochwasserdamm schliesslich hat es nun einen guten Kiesweg, z. B. für Velofahrer, Reiter und für den Unterhalt.
Für die Aareböötler hingegen sollte sich eigentlich gar nichts ändern, denn das meiste Wasser dürfte weiterhin durch das alte Flussbett fliessen.
Nun braucht’s Geduld
Nach Abschluss der gröbsten Bauarbeiten gab es viele positive Stimmen – aber auch kritische, meist die Waldrodung betreffend. Das Tiefbauamt weist darauf hin, dass Rodungsflächen nach Bauabschluss immer kahl und öde aussehen. Diesen Herbst werden die Flächen mit auenwaldgerechten Baumarten aufgeforstet. Es wird jedoch einige Jahre dauern, bis wieder Schatten spendende Bäume herangewachsen sind. Das Tiefbauamt hofft, dass die Bevölkerung dafür Geduld und Verständnis aufbringt – zu Gunsten des Hochwasserschutzes, des Trinkwasserschutzes und der Natur.
Jürg Stückelberger, Tiefbauamt des Kt. Bern
Walter Tschannen, Gerzensee
Weitere Infos: https://www.be.ch/aare-chesselau