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Kirchgemeinde Gerzensee: Neue Wohnung im alten «Söischürli»

Die Kirchgemeinde Gerzensee hat eine ihr gehörende uralte, kaum mehr benutzte Scheune zu einem schmucken kleinen Wohnhaus umgebaut. Das Resultat kann sich sehen lassen, der Weg zum Ziel war allerdings lang und steinig.

Die kleine Scheune ist mindestens 250 Jahre alt und war ursprünglich ein Anbau an einer riesigen Pfrundscheune, die südlich vom – und direkt angrenzend am – Kornhaus stand. Sie war noch erheblich höher als das Kornhaus! Der kleine, zweigeschossige Anbau umfasste ebenerdig einen Schweinestall und im Obergeschoss einen Speicher.

Pfrundscheune
So riesig war die alte Pfrundscheune, die ums Jahr 1900 herum verschwunden ist. Links der nun umgenutzte Anbau, rechts das heutige Kornhaus, vom Pfarrhaus aus gesehen. (Bild: Denkmalpflege des Kantons Bern)

Während die voluminöse Pfrundscheune wohl ums Jahr 1900 herum abgerissen wurde, blieb der kleine Anbau einfach stehen und bekam ein Satteldach. Jahrzehntelang diente er fortan vor allem als Geräteschuppen. Zwischendurch machten sich aber auch mal kirchliche Jugendgruppen darin breit, und im Winter 2023 beherbergte er einen Teil des weihnächtlichen Kunsthandwerkermärits.

Söischürli
Das Söischürli vor dem Umbau. (Fotos: U. Augstburger)
Schweinestall
Links der Schweinestall im alten Söischürli.

Aber der Zahn der Zeit nagte an seiner Bausubstanz; mangels Nutzungsmöglichkeit wurde der Unterhalt – auch des Daches – eher etwas vernachlässigt. Das gefiel Ueli Augstburger, dem damals frisch gewählten Liegenschaftenverantwortlichen des Kirchgemeinderates, gar nicht. Er suchte nach Lösungen und stellte bereits im Mai 2020 mit Interesse fest, dass das «Schürli» ja in der Bauzone liege und erstaunlicherweise denkmalpflegerisch (im Gegensatz zu Kirche, Kornhaus und Pfarrhaus) weder als erhaltens- noch als schützenswert eingestuft sei. Das legte natürlich den Gedanken an eine Umnutzung zu Wohnraum nahe, erst recht angesichts der relativ ruhigen Lage am südlichen Dorfrand, mit unverbaubarer Sicht auf den Gerzensee und die Berge.

Dem Kirchgemeinderat gefiel Uelis ldee, und er beauftragte das Architekturbüro Guntern, Kirchdorf, einige Vorschläge in diese Richtung zu machen. Bald sprach man von drei Vollgeschossen sowie einem Anbau nordwestseitig (dort wo einst der Pingpongtisch stand), womit z.B. vier Studios oder eine grössere plus eine kleinere Wohnung möglich gewesen wären – mit grosszügigen Balkonen und Fensterfronten Richtung Gerzensee und Alpen natürlich.

Aber bei der Bauvoranfrage zeigte sich dann leider, dass die vorhandenen Unterlagen nicht genau stimmten und das Schürli eben doch als schützenswert eingestuft war. Damit fielen die grosszügigen Pläne erstmal ins Wasser.

Viele Kompromisse

Der Kirchgemeinderat blieb jedoch bei seiner Ansicht, dass sich das Schürli langfristig nur erhalten lasse, wenn es sinnvoll genutzt werden könne – am besten zu Wohnzwecken. Dieser Argumentation folgte die Denkmalpflege zwar, verlangte aber ein sog. Gutachterverfahren, um die denkmalpflegerische Qualität des Umbaus zu sichern. Die von Ueli Augstburger ins Leben gerufene Baukommission entschied sich (aufgrund der Empfehlung der kantonalen Denkmalpflege) für das Architekturbüro Dällenbach/Ewald Architekten AG in Steffisburg, welches wiederum mehrere Umbauvarianten vorstellte. Im Rahmen von vier Workshops suchte danach eine Arbeitsgruppe aus weiteren Architekten, dem Ortsplaner, dem Gemeindepräsidenten, dem Denkmalpfleger und zweier Vertreter des Kirchgemeinderates nach einem Kompromiss. «Es war ein schwieriges Seilziehen, vor allem zwischen den Ideen des Denkmalschutzes und dem, was für die Bauherrenschaft wirtschaftlich noch halbwegs akzeptabel erschien», erinnert sich Ueli Augstburger.

Zuletzt einigte man sich auf eine zweigeschossige Maisonettelösung ohne Anbau mit knapp 80 m² Wohnraum. Die erträumte grosse Fensterfront gegen Süden schrumpfte zu einem einzigen Fenster; hingegen stimmte die Denkmalpflege einer grosszügigen Verglasung der südwestlichen und der nordöstlichen Fassade zu. Aber da das Schürli ziemlich hart an der Grenze zur Landwirtschaftszone steht, war leider auch kein Balkon oder Aussensitzplatz gegen Südwesten möglich. Einen Vorteil hat das redimensionierte Projekt immerhin: wenn die Umgebungsgestaltung gut gelingt (sie ist noch nicht fertig), sollten Störungen zwischen der Mieterschaft und den Benützern des Kornhauses bzw. den Besuchern des Brunnengottesdienstes so gut wie ausgeschlossen sein.

Dank dem breit abgestützten Qualitätssicherungsverfahren konnte dem neuen Projekt zumindest von offiziellen Stellen kein Widerstand mehr erwachsen. Da auch aus dem Dorf keine Einsprachen eingingen, wurde die Baubewilligung recht zügig erteilt. Nachträglich kam dann aber vom Amt für Energie doch noch eine Auflage, nämlich dass das Dach mit einer Solaranlage zu versehen sei, da es sich um einen Neubau handle. Dies nachdem die Kirchgemeinde ursprünglich von sich aus gerne eine (grossflächige) Solaranlage montiert hätte, aber von der Denkmalpflege zurückgepfiffen worden war! Als Resultat hat es nun auf der südöstlichen Dachhälfte eine kleine integrierte Solaranlage, deren Nutzen leider ziemlich bescheiden ist.

Abdichtung oben
Die obere Natursteinmauer wird gegen aussen abgedichtet. Vor dem Verlegen der Sickerleitung und dem Einbringen des Sickerkieses lief der Graben schnell voll mit Wasser.
Solaranlage
Die kleine, ins Dach integrierte Solaranlage. (Fotos: W. Tschannen)

Beheizt und mit Warmwasser versorgt wird das Schürli übrigens genauso wie das Pfarrhaus und das Kornhaus vom Holz-Wärmeverbund Wüthrich, Brunnmatt.

Finanzierung

Die Bauabrechnung ist zwar noch nicht fertig, aber Ueli Augstburger rechnet mit Gesamtkosten von etwa CHF 850 000.-. Das ist recht viel für eine doch eher kleine Wohnung, insbesondere da der Baugrund ja bereits der Kirchgemeinde gehörte. Der Betrag entspricht jedoch recht genau der Planung und damit der Tragbarkeitsberechnung, und von der Denkmalpflege darf noch ein gewisser Zuschuss erwartet werden.

Teurer als bei einem «normalen» Umbau waren u. a. der Planungsprozess, die statische Sicherung und die Innen- sowie Aussenrenovierung der beiden Natursteinmauern (z.B. waren spezielle, denkmalgerechte Materialien fürs Abdichten und entsprechendes Know-how erforderlich). Natürlich war das Hangwasser per Sickerleitung zu fassen und abzuleiten; auch auf der Südseite ist sicherheitshalber eine solche Sickerleitung eingegraben.

Die meisten Geschossbalken des Obergeschosses hielten in der uralten Natursteinmauer nicht mehr richtig; das machte spezielle Stahlträger nötig, die in die Mauer eingeklebt wurden. Der Dachstuhl musste renoviert und alle Ziegel (Biberschwanz) mussten erneuert werden.

Balkenlage verstärkt
Verbesserte Verankerung der Balkenlage in der oberen Natursteinmauer.

Unerwartete Mehrkosten entstanden zudem, weil man beim Graben der Abwasserleitung auf ein unbekanntes Mauerwerk stiess, das vom archäologischen Dienst vermessen und fotografiert wurde. Die Werkleitungen mussten darum herum verlegt werden. Diese Mehrkosten konnten jedoch durch anderweitige Einsparungen aufgefangen werden.

Die dicken Mauern mussten leider auf ihrer Innenseite isoliert werden – und dies ebenso dick wie bei einem Neubau! – was den verfügbaren Wohnraum spürbar schmälert.

Die Kirchgemeinde konnte rund CHF 260 000.- an Eigenkapital einschiessen. Die Tragbarkeit zu berechnen war dann aber für die Bank ein nicht alltäglicher Knackpunkt. Schliesslich gewährte sie statt einer Hypothek drei ähnlich günstige Darlehen mit unterschiedlichen Zinsen und Laufzeiten. Insgesamt hält sich das finanzielle Risiko fūr die Kirchgemeinde daher im Rahmen: dies auch weil es wie erhofft kein Problem war, die Wohnung an dieser schönen, ruhigen Lage für einen überdurchschnittlichen Mietzins pro m² Wohnfläche zu vermieten. Die Wohnung musste nicht mal ausgeschrieben werden, es gab genug Interessenten aus dem Dorf.

Die laufende Rechnung für das Schürli wird nun separat in den Finanzanlagen der Kirchgemeinde geführt, weil es sich dabei um nicht «betriebsnotwendiges» Vermögen handelt. Natürlich wurde ein Erneuerungsfonds eingerichtet; das entsprechende Reglement («für den Werterhalt der Liegenschaften») hat die Kirchgemeinde im vergangenen November genehmigt. Aus momentaner Sicht darf man damit rechnen. dass sich das Schürli längerfristig selbst finanziert und sogar einen kleinen Beitrag an den Unterhalt der anderen Kirchenliegenschaften leisten kann.

In der Vergangenheit hatte die Kirchgemeinde Gerzensee mehrmals Pfarrpersonen ohne Familie, denen das Pfarrhaus eigentlich zu gross war. Wäre das Schürli in einem solchen Fall DIE Lösung? Nur bedingt. Zwar sind die Pfarrpersonen im Kanton Bern nach wie vor verpflichtet, vor Ort zu wohnen («Residenzpflicht»). Aber der Kanton bestimmt den Wert und damit die Miete der pfarrherrlichen «Dienstwohnungen», und diese Schätzungen gelten im Allgemeinen als eher tief. Somit liessen sich die Kosten des Schürli wohl nicht mehr decken, wenn die Pfarrperson darin wohnen würde.

Söischürli, mit Ueli Augstburger
Ueli Augstburger hat sich für den Umbau stark gemacht.

Anderseits, sinniert Ueli Augstburger, könnte die Kirchgemeinde ja in einem solchen Fall das Pfarrhaus anderweitig – und damit marktgerechter – vermieten. Wobei auch im Pfarrhaus gewisse Sanierungen anstehen. Dem Liegenschaftsverantwortlichen des Kirchgemeinderates wird jedenfalls auch nach dem gelungenen Umbau nicht so schnell langweilig…

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