Kürzlich stiessen Verena und Hans Jörg Hänni beim Aufräumen des Dachstocks im ehemaligen «alten Schulhaus» auf einen ganz speziellen Fund: Ein Heft mit Aufsätzen, verfasst im ausgehenden 19. Jahrhundert von der Schülerin Rosina Trachsel. «Wahrscheinlich wurden sie beim Umzug ins neue Schulhaus im Auetli vergessen», vermuten die beiden. Eine Kollegin von Verena anerbot sich, die in alter deutschen Schrift verfassten Texte in ein verständliches Deutsch zu übertragen.
Texte: Rosina Trachsel, Fotos: Ausschnitte aus den Originaldokumenten, Ende der 1850er-Jahre, aufgefunden im alten Schulhaus in Jaberg

«Dieses Aufsatzheft gehört mir, Rosina Trachsel von Jaberg, 1858.»: So beginnt das vergilbte Dokument, das man kaum anzufassen wagt. Einzelne Seiten sehen deutlich mitgenommen aus («vermutlich von Mäusen angeknabbert», vermutet Verena), andere sind recht gut erhalten. Ihnen allen gemeinsam ist die fein säuberliche Schrift, eintrainiert von einem wohl sehr pedantisch auf Schönschrift bedachten Lehrer.
Rosina Trachsels Aufsätze widerspiegeln das Geschehen zu ihrer Zeit. Mit erstaunlicher Reife wagt sich die Schülerin (wohl in der Oberschule), an Themen, die schon damals als schwierig gegolten haben dürften. Doch lesen Sie selbst und lassen Sie sich ins Jaberg der späten 1850er- und Folgejahre zurückversetzen! Verena und Hans Jörg Hänni danken wir an dieser Stelle bestens für die vorübergehende Überlassung des wertvollen Zeitdokuments.
Sprichwort: «Wer in der Jugend nichts lernt, lernt auch im Alter nichts!»
Es war einmal ein Knabe, der war von wohlhabendem Stande, und er wurde von seinen Eltern, sehr werth gehalten, besonders von der Mutter, denn wenn der Vater ihn schon zur Arbeit, oder zum Lernen anhalten wollte, so sagte die Mutter er ist noch zu jung, wenn er dann älter ist, er wird dann schon lernen. Als er aber in die Schule ging, war er unwissend, weil Niemand mit ihm gelernt hatte, und der Lehrer musste ihn alle Tage schlagen, einmal als er ihn auch geschlagen hatte, lief er nach Hause und klagte es der Mutter. Da schmähte sie über den Lehrer, und sagte, das sei zu schwer für den jungen Knaben, sie sollten ihn sch…cken. So ging es bis er in die Unterweisung sollte, er konnte auch da nichts, und musste 4 Wintern gehen.
Unterdessen aber starb der Vater. Da sollte er in des Vaters Stelle treten und mit dem Hauswesen fortfahren, aber das ging nicht, denn er war alle Tage im Wirtshaus, und verzehrte sein Geld unnützer Weise. Sein Land trug ihm nichts mehr ab, und er verkaufte ein Stücklein um das andere. Vor Kummer und Verdruss starb die Mutter das Gut aber wurde verkauft, und er hatte nichts mehr. Er wollte noch auf den Taglohn, aber Niemand wollte ihn.
Er musste von Haus zu Haus betteln gehen und viele Tage hatte er nichts, als etwa ein Stücklein Brod, denn die Leute sagten, er hätte es auch können gut haben, wenn er es nicht so schlecht gemacht hätte. So geht’s dem, der seine Jugend schlecht zubringt, er wird im Alter unglücklich und verlassen sein.
Anmerkung der Übersetzerin: «Fettgeschriebene Passage: Haben die Mäuse gefressen. Nicht mehr klar lesbar.»
Über die Kinderlehre (heutige KUW, kirchlicher Unterricht),
vom 24ten November 1857

Sie fing mit Gesang und Gebet an. Dann wurden Fragen aufgesagt, darauf wurde die Geschichte erklärt, vom 12 jährigen Jesus am Osterfest. Seine Eltern gingen alle Jahre nach Jerusalem an das Osterfest. Als Jesus 12 Jahre alt war, gingen sie auch, und nahmen ihn mit ihnen. Als sie aber zurück kehrten blieb Jesus zu Jerusalem.
Seine Eltern suchten ihn, und nach 3 Tagen fanden sie ihn mitten unter den Lehrern sitzen, denen er mit der grössten Aufmerksamkeit zuhörte, und wenn er etwas nicht verstanden hatte, so fragte er darüber. Die Leute verwunderten sich über seinen Verstand und über seine Antworten. Seine Mutter fragte ihn, warum er das gethan habe, da sagte er, wisset ihr nicht, dass ich sein muss in dem, was meines Vaters ist. Das verstanden sie nicht. Er ging wieder mit ihnen nach Nazareth und war ihnen unterthan.
In dieser Geschichte können Eltern und Kinder viel lernen. Die Eltern sollen ihre Kinder auch mit Ihnen in den Gottesdienst nehmen, wie Jesu Eltern gethan haben. Die Kinder sollen gern in die Kirche und in den öffentlichen Gottesdienst gehen, und aufmerksam zuhören. Den Eltern sollen sie in der Arbeit helfen, und ihnen folgsam sein, wie Jesu gethan hat. Sie sollen immer trachten Jesu ähnlich zu werden.
Über die Diphterie
Kiesen den 3ten Dezember 1857
Anmerkung der Redaktion: Diptherie = «Halsbräune»
Werthe Bekannte! Zu diesem Briefl ein will ich Euch mit Schmerzen mitteilen, dass Euer Kind Barbara sehr krank ist und wahrscheinlich sterben wird. Es wurde letzten Montag krank und klagte auf einmal HalsSchmerzen. Wir holten noch den gleichen Tag den Arzt Schüpbach, und er gab ihm Mittel. Er sagte, es werde die Halsbräune bekommen, welches sehr eine gefährliche Krankheit sei.
Die Krankheit nahm immer zu. Es ist jetzt so krank dass der Arzt sagt es werde wohl sterben. Es sagt sehr viel von Euch und es hat ein sehnliches Verlangen, Euch noch einmal zu sehen. Die Mutter jammert sehr über das Kind und wir würden alle ein grosses Bedauren haben, wenn es sterben sollte, denn wir haben es alle sehr lieb. Es würde uns sehr freuen, wenn Ihr es noch einmal besuchen würdet. Mit der Erwartung, dass Ihr bald kommen werdet, grüssen wir Euch freundlich
Eure treue Freundin Rosina Trachsel