Die Gerüchteküche brodelt. Muss die Käserei Kirchdorf tatsächlich schliessen? Der SEE-SPIEGEL hat nachgefragt, und: Die Situation ist weder einfach, noch eindeutig. Bis klare Antworten da sind, wird es wohl noch etwas dauern.

Seit Wochen schon wird im Dorf getuschelt. Die Käserei soll ihre Türen demnächst definitiv schliessen, Grund dafür sei ein Riss im Käsekessi. Gerüchte, die nicht nur Cornelia Lüthi und Roland Meier, sondern auch ihre Angestellten hautnah miterleben. «Manchmal kommen die Kunden rein und posaunen los: ‹Ich habe gehört, ihr wollt schliessen. Warum das denn?›» Eine Frage, auf die es aktuell keine einfache Antwort gibt. Deswegen liegt es dem Betriebsleiterpaar am Herzen, die Bevölkerung über den SEE-SPIEGEL zu informieren.
Die Sache mit dem Emmentaler
2019 hat das Paar die «Käsi» übernommen, das Haus selbst gehört der Käsereigenossenschaft Kirchdorf. Ende 2018 schloss die Bäckerei Luttenbacher, und um das Dorf weiterhin mit allem Wichtigen versorgen zu können, wurde die Ladenfläche 2020 durch einen Anbau um fast das Dreifache erweitert. Anfangs schien für Betriebsleiter Meier und seine Partnerin Lüthi alles gut zu laufen. Das Sortiment wurde vom Dorf geschätzt und der Milchtechnologe konnte seine Kreativität mit dem stetigen Optimieren der Arbeitsschritte und Verbessern der Spezialitäten unter Beweis stellen. So stehen heute nebst den bekannten Käsen wie Sbrinz und Appenzeller auch etliche hausgemachte Sorten in top Qualität in der Käsevitrine – etwa Schwinger, Grillkäse, Seegruess oder Seefüür.

Und natürlich der Emmentaler. Als Emmentaler-Käserei darf die Käsi Kirchdorf den durch die Sortenorganisation geschützten Emmentaler AOP herstellen. Die Organisation sorgt dabei nicht nur dafür, dass das Originalrezept sowie strikte Kriterien bei der Herstellung eingehalten werden – sie gibt Meier auch vor, wie viel Käse er jeden Tag produzieren und dem Käsehändler Emmi verkaufen darf. Dies, damit der Bedarf auf dem Markt zwar gedeckt, nicht aber geflutet werden kann. 13 Bauern aus der Region beliefern die Käsi mit ihrer Milch, morgens und abends, mit Traktor, Auto und sogar zu Fuss, 365 Tage im Jahr.
Die Rechnung gehe schon seit einigen Jahren nicht mehr auf. Insbesondere durch die Teuerung und den Ukrainekonflikt habe sich die Lage verschärft. Roland Meier erklärt: «Rund 1.7 Millionen Liter Milch werden jährlich angeliefert. Davon können wir etwa 900’000 Liter zu Emmentaler AOP verarbeiten, weitere 200’000 Liter nutzen wir für unsere Spezialitäten. Bleiben 600’000 Liter übrig, welche wir wohl oder übel in die Industrie verkaufen müssen.» Die Industrie wiederum bezahlt schlecht, weshalb die Käserei schon seit mehr als zwei Jahren unter Druck steht. Trotzdem haben sich Roland Meier und Cornelia Lüthi tapfer gehalten. Bis vor kurzem zumindest.

Der ominöse Riss im Kessi
Ein Gerücht im Dorf handelt von Käsekessi, welches wohl einen Riss habe und deshalb ausgetauscht werden müsse. «Der Käsefertiger muss tatsächlich ersetzt werden», bestätigt Roland Meier und führt uns hinüber in den Fertigungsbereich. Mitten im Raum steht das Kessi, ein Monstrum aus Edelstahl und Kupfer, in dem drei Rührer sich in stetigem Rhythmus drehen und die Milch in Bewegung halten. Am späten Nachmittag ist der Käsefertiger noch fast leer und so wird der Schaden schnell sichtbar: Ganz unten an der Wand befindet sich eine viereckige Lötstelle. «Die Kupferschicht war sogar zu dünn zum Schweissen», erklärt Meier und wirft einen tiefen Blick ins Kessi. «Die Messung hat gezeigt, dass die Ummantelung an gewissen Stellen nur noch so dick wie Alufolie ist.» Dabei sei zu bedenken, dass der Käsefertiger Jahrgang 1989 hat, 2007 bereits als Occasion von der Käserei Kirchdorf übernommen wurde und der Kupfermantel ganz natürlich durch Produktion und Reinigung geschwunden ist.
Der Austausch des Käsefertigers würde rund 150’000 Schweizer Franken kosten – zu viel für die Käsereigenossenschaft Kirchdorf, denn die tiefen Emmentaler-Abnahmemengen lassen eine solche Investition nicht zu. Gleichzeitig ist ein solch grosser Fertiger aber nötig, um weiterhin Teil des Emmentaler Kontingents zu sein, an welches wiederum die Existenz der Käsereigenossenschaft gebunden ist. Deshalb hat die Genossenschaft Anfang des Jahres entschieden, sich aufzulösen.
Konkret sieht der Plan folgendermassen aus: Im April wurde noch Emmentaler in Kirchdorf produziert und die Milchannahme im Mai fortgesetzt. Ab dem 1. Juni kommt die Nachfolgelösung zum Zuge: Ein Grossteil der Bauern wird von der Käserei Eyweid aus Zäziwil übernommen. Diese ist ebenfalls Teil des Emmentaler-Universums und arbeitete in den letzten Jahren bereits eng mit Kirchdorf zusammen. Wer nun denkt, dass dadurch ein riesiger Umweg für die Milchlieferanten entsteht, der hat falsch gedacht. Die Eyweid betreibt nämlich Hofabfuhr und holt die Milch mit einem grossen Tanklaster von den Höfen ab. Auf seinem Weg könnte der Laster dann auch direkt bei der Käserei Kirchdorf Halt machen und Roland Meier eben jene Milch liefern, die er für seine Spezialitäten braucht. Denn diese soll es auch in Zukunft geben.
Grosse Wünsche mit grossem Risiko
Dürften Roland Meier und Cornelia Lüthi träumen, wüssten sie genau von was: einer kleinen Käserei, mit halb so grossem Käsefertiger – nur 2’000 statt 6’000 Liter – und mehr Platz und Zeit für die eigenen Spezialitäten.

Einen reinen Dorfladen ohne eigene Spezialitäten möchten sie hingegen nicht betreiben, betonen die beiden. «Ich bin leidenschaftlicher Käser und mir liegen die eigenen Spezialitäten am Herzen», so der Betriebsleiter. «Und wir Verkaufen gerne unsere eigenen Produkte, hinter denen wir voll und ganz stehen können», ergänzt Lüthi. Ohne eine Umstrukturierung der Produktion wird es nicht gehen. Dass jemand anderes den Laden übernehmen und diesen ohne hausgemachte Käsereiprodukte führen könnte, schliessen sie hingegen nicht aus.
Um ihre Träume in die Realität umzusetzen, müssten Meier und Lüthi die Käserei kaufen – eine grosse, risikobehaftete Entscheidung, für welche sich die beiden aktuell noch Zeit lassen wollen. Einerseits, weil sie letztes Jahr erst Eltern eines kleinen Jungen geworden sind und ihre Prioritäten entsprechend anpassen müssen. Andererseits, weil schlicht noch zu viele Fragen unbeantwortet sind: Wieviel wird die Käsereigenossenschaft für das Gebäude verlangen? Was müsste alles umgebaut und verändert werden? Und würden sie es schaffen, sich allein mit Verkaufsladen und Spezialitäten über Wasser zu halten?
Antworten, welche das Paar erst noch abwarten will, bevor es eine vernünftige und wohlüberlegte Entscheidung trifft. «In dieser Sache müssen wir unseren Kopf über das Herz stellen», fasst Cornelia Lüthi zusammen. Einstweilen bleiben sie den stürmischen Käsereibesuchern eine Antwort schuldig. Diese darf der SEE-SPIEGEL in einer späteren Ausgabe liefern, sobald sich Meier und Lüthi entschieden haben. Bis dahin wünschen wir den beiden auf ihrem Weg alles Gute und danken für die Treue zur Region – und für die unglaublich leckeren Spezialitäten!
Das Käsereisterben in der Region
Müsste die Käserei Kirchdorf tatsächlich komplett schliessen, würde sich damit eine traurige Tendenz fortsetzen. In den letzten zwei Jahren stellten gleich drei Käsereien aus dem Naturpark Gantrisch ihren Betrieb ein: Im Oktober 2023 schloss die Käserei in Riggisberg, im Mai 2024 folgten die Käsereien Brügglen und Oberbütschel aus Rüeggisberg – alles Emmentaler-Käsereien. Im März 2025 schliesslich wurde publik, dass selbst die bekannte Schaukäserei Affoltern nach neuen Lösungen ringt. Emmentaler soll auch hier nicht mehr produziert werden.

Doch was genau ist das Problem mit dem Traditionskäse, neben der prekären wirtschaftlichen Lage durch die Teuerung? Es sei tatsächlich das fehlende Alleinstellungsmerkmal, so Käsermeister Meier: «Grosslochkäse vom Typ Emmentaler wird im In- und Ausland in riesigen Mengen industriell produziert und billig auf den Markt geworfen.» Der Sortenorganisation Emmentaler AOP fehlen die nötigen Schutzklauseln, welche den Namen sowie die Herstellungsprozesse gegen Imitate schützen würden.