Iris E. Riesen (Berner Jugendbuch-Schriftstellerin) und Benjamin Zahnd (Illustrator/Maler/Pfleger) haben ihr zweites gemeinsames Bilderbuch herausgegeben. Mit dem kleinen Stern erfüllte sich die leidenschaftliche Geschichtenerzählerin den lang ersehnten Wunsch, eine Weihnachtsgeschichte herauszugeben.

Es war Nacht. Im Himmelszelt werden viele winzige Sterne geboren. Der kleine Stern schaute sich verwundert um. Wie hell die grossen Sterne strahlten! Einige besassen sogar einen goldenen Schweif! Es waren wunderschöne Sternbilder. Und was für klingende Namen sie hatten: Da gab es einen Orion, eine Wega und die Kassiopeia.
«Ich will auch einen Namen», sagte der kleine Stern sofort. «Das geht nicht», erklärte Kassiopeia. «Du bist noch zu klein für einen Namen.» «Wieso das?», wollte der kleine Stern wissen.
«Du musst so gross werden, dass dich die Menschen von der Erde aus sehen können. Dann bekommst du einen Namen und am Himmelszelt wird dir ein fester Platz zugeteilt.»
«So ist das», sagte der kleine Stern. Von den Menschen hatte er noch nie etwas gehört. Deshalb liess er sich von der geduldigen Kassiopeia nochmals alles ganz genau erklären. «Aber das dauert ja noch furchtbar lange!», seufzte der kleine Stern schliesslich enttäuscht. Er war sehr traurig. Er wollte nicht so lange warten. Er wollte jetzt einen tollen, einzigartigen Namen haben. «Ohne Namen bin ich klein und unwichtig », fl üsterte der kleine Stern.
Am Himmelszelt erfahren die Sterne, dass in dieser Nacht in einem Stall in Bethlehem der Sohn Gottes geboren werden sollte. Sie sandten den grössten und schönsten Stern auf die Erde, damit dieser den Menschen den Weg dorthin zeigen und den Stall beleuchten konnte. Der kleine Stern beschloss, die Reise allein anzutreten, denn er wollte das Christkind auch sehen. Der hellste Stern Sirius schob für ihn ein paar Wolken beiseite und sagte:
«Guck mal, da unten liegt Bethlehem. Hoffentlich findest du die Heilige Familie. Ich wünsche dir viel Glück.»

Wie der Stern seine Zacken wieder bekam
Jetzt hatte es der kleine Stern eilig und landete nach einem Sturzflug sehr unsanft auf der Erde, wobei alle seine Zacken abgebrochen wurden. Traurig machte er sich trotzdem auf den Weg. Er lernte Kinder, Erwachsene und junge Tiere kennen. Auf einem Feld neben Bethlehem fand er den Stall. Er war angekommen! Leise öffnete er die Tür und schlüpfte hinein.
Es war genau so, wie es ihm die grossen Sterne erzählt hatten. Der kleine Stern hörte den Esel im Stroh scharren und der Ochse streifte ihn mit seinem heissen Atem. Der Stall war in sanftes Licht getaucht.
Und da waren auch Maria und Josef. Sie lehnten aneinander und schliefen. Ganz leise schwebte der kleine Stern zur Krippe. Da lag das Kindlein in eine Windel gewickelt auf einem Fell. «Es schläft», flüsterte der kleine Stern und ihm war ganz feierlich zumute. Wie lieb das Kindlein aussah! So etwas Schönes hatte er noch nie gesehen.
Plötzlich öffnete das Christkind die Augen und es schaute den kleinen Stern an. «Es tut mir leid», sagte der kleine Stern schnell. «Ich habe meine Zacken verloren. » Das Christkind sah ihn an und lächelte. Dem kleinen Stern wurde ganz warm vor Freude. Er merkte, dass etwas Geheimnisvolles geschah. Plötzlich waren seine Zacken wieder da! Noch schöner als vor dem Sturz. «Danke», sagte der kleine Stern und warf einen letzten Blick auf das himmlische Kind. Leise schlüpfte er hinaus in die Nacht.
Er hatte einen langen Heimweg vor sich. Aber das machte ihm nichts aus. Er würde bei seinen Freunden vorbeischauen und ihnen von dem göttlichen Kind erzählen. Der kleine Stern war glücklich. Er, der namenlose Winzling, war etwas ganz Besonderes. Nie mehr würde er traurig sein. Schliesslich hatte ihm das Christkind das Licht zurückgegeben. Und das war das schönste, das allergrösste Geschenk, das sich ein kleiner Stern nur wünschen kann.

Ein Stern als Lösungsbringer
Als Zusammenfassung mit Originaltexten versehen, will uns dieser Beitrag gleichzeitig auf das soeben neu erschienene Bilderbuch wie auch auf die kommende Advents- und Weihnachtszeit hinweisen. Die vertraute, immer gleiche Geschichte nicht neu, sondern anders erzählt, stellar sozusagen. Die Sterne sehen unsere Probleme aus Distanz und aus einem anderen Blickwinkel, vielleicht sogar mit praktikablen Lösungsvorschlägen!!!
Aber da lassen uns die farbenfrohen, detailgetreuen Illustrationen doch auch an vergangene Weihnachtstage unserer Kindheit denken. Vielleicht an Waldweihnachten, an Krippenspiele, an Weihnachtslieder und an die Geschenke, die wir selber gebastelt haben – und natürlich besonders an jene, welche wir unter dem Christbaum für uns fanden. Guetzlibacken, Wunschzettel schreiben oder Kerzenziehen gehörten genauso zu dieser geheimnisvollen Zeit wie schlitteln, sich Schneeballschlachten liefern und frieren.
Nicht so in diesem wunderschönen Bilderbuch: andere Vegetation, andere Tiere, andere Temperaturen, andere Häuser – eben wie vor mehr als zweitausend Jahren rund um Bethlehem. Ein herrliches Weihnachtsgeschenk für Gross und Klein – zum Vorlesen, selber Lesen oder einfach nur zum Anschauen. Erhältlich im Buchhandel.

