Gemeindekader von Gerzensee reiste in die Pfalz
Zum Abschluss der Legislatur bereisten Gemeinderat, Gemeindeschreiberin und Finanzverwalter von Gerzensee (mit PartnerInnen) die als Weinregion bekannte Pfalz. Dies unter kundiger Leitung von Pfarrer Stefan Werdelis, der aus ebenjener Region stammt. Hier einige Highlights, denen wir auf der Reise begegnet sind.
Die Pfalz ist eine Gegend im Süden des Deutschen Bundeslandes Rheinland-Pfalz. Sie ist fast so gross wie der Kanton Bern und hat 1,4 Millionen Einwohner. Nicht wenige davon stammen von Schweizern ab: zwischen 1650 und 1750 wanderten geschätzte 30000 Schweizer – vor allem Berner Oberländer – in die vom 30jährigen Krieg zerstörte und ausgeblutete Region ein; dort fanden sie Land, Arbeit und ein besseres Auskommen.
Mit jährlich über 1800 Sonnenstunden besitzt die Pfalz ein mediterranes Klima. Im Freiland gedeihen nebst den Reben auch viel Gemüse sowie z.B. Feigen, Kiwi, Pinien, Zypressen, Palmen, Bananen, Mandelbäume und (auch im Wald) Edelkastanien.
Aber vor allem ist es eine Weinregion: Über 100 Mio. Weinstöcke stehen heute in der Pfalz. Zu über 60% sind es weisse Sorten, in erster Linie der Riesling.
Die Deutsche Weinstrasse
Wir fuhren zunächst nach Basel und dann durchs Elsass Richtung Nord.

Zielstrebig fanden wir den Anfang der Deutschen Weinstrasse, das Weintor in Schweigen-Rechtenbach, fast direkt an der Grenze zu Frankreich. Von da an sahen wir immer mehr Reben. Die Deutsche Weinstrasse ist etwa 85 km lang; malerische Weindörfer sind daran aufgereiht wie die Perlen einer Kette. Ursprünglich hiess sie goldene und später Pfälzer Weinstrasse. Erst die Nationalsozialisten machten 1935 daraus die Deutsche Weinstrasse. Ihr Ziel war es, den Fremdenverkehr und den Weinabsatz zu steigern – was auch recht gut funktionierte. Heute hat die Weinstrasse vor allem noch eine touristische Bedeutung.


Neustadt an der Weinstrasse
hat gut 50000 Einwohner und liegt mitten im pfälzischen Weinanbaugebiet. Es ist ein wichtiges Zentrum des deutschen Rebbaus. So wird hier jährlich eine Weinkönigin gekürt; sogar die Steh- und Gehmännchen an den Verkehrsampeln sind entsprechend als Weinköniginnen gestaltet!

Wie uns Neustadts Oberbürgermeister Marc Weigel berichtete, ist Neustadt als kreisfreie Stadt selber für mehr öffentlichen Aufgaben zuständig als üblich (z.B. auch Spitäler, weiterführende Schulen, Abfallentsorgung, Strassennetz, öffentlicher Nahverkehr, viele Sozialleistungen u.a.) und ist deshalb mit rund 1300 Angestellten ein sehr grosser Arbeitgeber. Ansonsten ist Neustadt aber vor allem vom Weinbau geprägt. Dieser ist aktuell wirtschaftlich in einer schwierigen Lage, weil der Weinabsatz – wie fast überall – eher zurückgeht, während wohl etwas zu viel neue Rebflächen angepflanzt wurden. Flaschenwein sei da weniger betroffen, berichtete der Oberbürgermeister, aber beim Fasswein äussere sich dies in einem mitunter kaum mehr kostendeckenden Preis. Mit Neuerungen wie pilzresistenten Sorten oder alkoholfreiem Wein versuchen manche Winzer gegenzuhalten, aber eine gewisse Strukturbereinigung werde wohl eintreten. In der Tat erblickten wir vom Car aus einzelne kaum mehr gepflegte Rebparzellen.

Westlich schliessen sich die Vogesen an; gegen die Rheinebene hin wachsen an den Hängen Eichenmischwälder mit viel Edelkastanien. Die Gemeinde Neustadt besitzt selber über 5000 ha Wald; auch da sind neue Ideen gesucht, gerade nach dem Trockenjahr 2026, dem wohl viele Bäume zum Opfer fallen.
Das Hambacher Schloss

Historisch war für Neustadt – aber auch für Deutschland und sogar darüber hinaus – das Hambacher Fest 1832 etwas vom Bedeutendsten, wie wir an einer Schlossführung im Hambacher Schloss vernahmen. Die unerwartet vielen Festteilnehmer – es waren Zehntausende! – blieben zwar dem Willen seiner liberalen Organisatoren gemäss friedlich, demonstrierten aber dennoch ihre Unzufriedenheit. Diese hatte viele verschiedene Gründe: Die Pfalz gehörte damals zu Bayern und musste eine sehr hohe Steuerlast tragen. Missernten hatten dazu geführt, dass die Nahrungsmittelpreise auf das 10fache anstiegen, und wegen strengen Wintern waren viele Bürger gezwungen, Holz aus dem Wald zu holen – was plötzlich als illegal erklärt wurde. Natürlich war auch der Geist der Französischen Revolution im Spiel: mehr Freiheiten und Bürgerrechte wurden gefordert, sowie ein demokratischer deutscher Nationalstaat; damals war Deutschland in viele eigenständige Kleinstaaten zersplittert, was z.B. den für die Pfalz wichtigen Weinhandel behinderte. Viele Festteilnehmer trugen am Hut eine schwarz-rot-goldene Kokarde (Abzeichen), aus welcher später die deutsche Nationalflagge entstehen sollte. Aber selbst ein «konföderiertes republikanisches Europa mit einer einheitlichen Währung» wurde auf dem Hambacher Schloss thematisiert.

Doch die Obrigkeit suchte dem Fest nach Kräften zu schaden und verhinderte danach mit Repression jegliche politischen Veränderungen. Erst Jahre und Jahrzehnte später wurden die auf dem Hambacher Schloss manifestierten liberalen Ideen und Wünsche Wirklichkeit.
Seit den 1980er Jahren ist das Hambacher Schloss ein Zentrum oder auch eine Bildungsstätte der Demokratie mit (TV-) Diskussionsrunden, Workshops, Ausstellungen usw., es gilt ausserdem als Europäisches Kulturerbe. Den schönen Hauptsaal kann man für Hochzeiten usw. mieten.
Kirchen in Speyer
Vielen dürfte Speyer als Standort des Technischen Museums bekannt sein. Aber es hat auch andere Sehenswürdigkeiten. So besuchten wir am Sonntag zunächst die in neugotischem Stil erbaute «Gedächtniskirche der Protestation». Sie ist erst etwa 120 Jahre alt und auch insofern aussergewöhnlich, als sie einem Verein gehört. Sie soll an die Reformation (1517 schlug Luther seine Thesen in Wittenberg an) und insbesondere an das Jahr 1529 erinnern; damals protestierten sechs regionale Fürsten, die der Lehre Luthers anhingen, im Reichstag zu Speyer gegen das Religionsdiktat der katholischen Kirche. Seit jenen Tagen kennt man in der reformierten Kirche den Begriff «Protestant».

Stefan Werdelis, Pfarrer in Gerzensee, hat seinerzeit in der Gedächtniskirche Speyer zwei Jahre als Pfarrer und drei Jahre als Geschäftsführer des Bauvereins gewirkt. Er brachte uns die Eigenheiten dieser Kirche auf einem interessanten Rundgang näher. Als Dreh- und Angelpunkt erwiesen sich dabei die 36 bunten Glasfenster, die biblische Geschichten und auch historische Begebenheiten darstellen.
Durch die Maximilianstrasse wanderten wir dann zum berühmten Speyrer Kaiserdom.

Der ist um die 1000 Jahre alt und gilt als die grösste erhalten gebliebene romanische Kirche der Welt: er ist 134m lang und das Mittelschiff 33m hoch. Der salische König und spätere Kaiser Konrad II liess den Bau im Jahr 1025 vermutlich mit dem Ziel beginnen, die grösste Kirche des Abendlandes zu errichten. Er und auch die folgenden römisch-deutschen Kaiser wollten mit dem monumentalen Bau ihren religiösen Machtanspruch (neben dem weltlichen) unterstreichen. Jedenfalls ging es nicht um die örtliche Bevölkerung: Speyer soll zu jener Zeit gerade mal 500 Einwohner gezählt haben, im Dom hätten jedoch mehrere Tausend Platz…

In der Krypta (Unterkirche) des Domes sind viele deutsche Kaiser und Könige samt ihren Gemahlinnen begraben, nebst einer Reihe von Bischöfen und Domherren. Diese Krypta misst 850 m2 bei einer Höhe von 7m und ist damit die grösste romanische Säulenhalle Europas (typisch romanisch sind die Rundbögen).
Der Domnapf

Direkt vor dem Hauptportal des Doms steht seit dem 14. Jahrhundert dieser «Domnapf», der aussieht wie ein Brunnen, jedoch kein Wasser führt. Früher sei der Domnapf jeweils nach der Wahl eines neuen Bischofs mit Wein gefüllt und dieser an das Volk ausgeschenkt worden. Er fasst etwa 1500 Liter. Zu speziellen Anlässen wird er laut Stefan Werdelis auch in neuerer Zeit gelegentlich wieder mit Wein gefüllt. Der Domnapf markierte früher die Grenze zwischen der Freien Reichsstadt Speyer und dem Hochstift, in welchem bischöfliches Recht galt. Nach weltlichem Recht Verurteilte suchten deshalb mitunter Zuflucht im Herrschaftsbereich des Bischofs, auf dessen Gnade sie hofften. So wurde der Domnapf auch zu einer Art Freiheitssymbol.
Zwei kulinarische Spezialitäten Im Weingut Koch in Hainfeld gabs am Freitag einen Mittagsimbiss. Dabei entdeckten wir eine erste Pfälzer Spezialität: Schorle. Das ist in der Pfalz eine Mischung aus Weisswein und Sprudelwasser – ein vorzüglicher Durstlöscher, aber nicht ganz harmlos! Er wird aus ziemlich grossen Gläsern getrunken (meist ein Schoppen, das sind 5 dl) und zwar aus sog. Dubbegläsern; diese haben aussen Vertiefungen, damit man sie besser in der Hand halten kann. Beim Nachtessen im «Deidesheimer Hof» lernten wir eine weitere Pfälzer Spezialität kennen: Saumagen. Schweinefleisch, Brät und Kartoffeln werden in einem richtigen Schweinemagen gegart. In den 1980er und 1990er Jahren erlangte das Gericht weltweite Bekanntheit durch den damaligen Bundeskanzler Helmut Kohl, der selber aus der Pfalz stammte und in genanntem Restaurant auch gerne seinen internationalen Gästen Saumagen auftischen liess.