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Der neue Gemeindepräsident von Kirchdorf

Seit Anfang Februar hat Kirchdorf einen neuen Gemeindepräsidenten: Marco Lehmann (Forum) hat mangels Alternativen das Amt von Samuel Moser übernommen, der es nach sechs Jahren zur Verfügung stellte. Dabei kam die Vakanz für den damals knapp 50-jährigen Lehmann zu einem ungünstigen Zeitpunkt, denn nebst einem kürzlich begonnenen Studium stand für Anfang Jahr eine lang geplante Australien-Reise mit der Familie auf dem Programm. Dass die Amtsübernahme trotzdem erfolgte – wenn auch mit leichtem Verzug – ist nicht zuletzt Lehmanns Verantwortungsbewusstsein zu verdanken.

Das „offizielle“ Foto des Gemeindepräsidenten von Kirchdorf.

Marco Lehmann kennt Kirchdorf gut, sehr gut sogar. Hier ist er aufgewachsen, in die Primarschule gegangen, wurde konfirmiert und hier lebt er seit 2012 wieder – zusammen mit Frau und Kindern in seinem Elternhaus, im Herzen des Ortsteils Kirchdorf. Nach acht Jahren in Gerzensee und zwei Jahren in Belp hat ihn der Weg zurückgeführt. Gerzensee bleibt dennoch ein Ort, mit dem ihn viel verbindet: Seine Mutter kommt aus Gerzensee. Dort leben viele Verwandte, Freunde und Bekannte und dort war er insgesamt acht Jahre lang Präsident des Turnvereins, in dem er seit seinen jüngsten Jahren aktiv ist. „Gerzensee ist meine zweite Heimat“, sagt er.

Politischer Einstieg nach gescheiterter Fusion

Seinen politischen Weg begann Lehmann mit gut 40ig vergleichsweise spät: 2015, nachdem die geplante Fusion mit Gerzensee gescheitert war. Als Befürworter der Fusion wollte er nicht einfach „die Faust im Sack machen“, sondern sich konstruktiv einbringen. Deshalb trat er dem Forum Kirchdorf (freie Wähler) bei. „Ich fühle mich weder von links noch rechts angezogen, sondern sehe mich eher in der politischen Mitte.“ In der Kommunalpolitik sei die Parteizugehörigkeit aber ohnehin zweitrangig – hier zählten Sachfragen.

2018 kandidierte er erstmals für ein politisches Amt, nämlich als Mitglied der Bildungskommission, wurde aber vom damaligen Gemeinderat nicht berücksichtigt. Zwei Jahre später wählte ihn die Stimmbevölkerung als Ersatz von Adrian Siegenthaler in den Gemeinderat.

Als Ratsmitglied leitete Lehmann zuerst das Ressort Bau, ehe er ein Jahr später die Verantwortung für das Ressort Liegenschaften & Kultur und damit die Projektleitung zur Erneuerung und Erweiterung der Schulanlage Zelg übernahm. Seit dem Wechsel ins Präsidium verantwortet er das Ressort Präsidiales, zu welchem auch die Gemeindefinanzen gehören. Zudem vertritt er die Interessen von Kirchdorf in der Regionalversammlung der Regionalkonferenz Bern-Mittelland (RKBM) sowie jene beider Seegemeinden als Vorstandsmitglied des Fördervereins Region Gantrisch.

Marco Lehmann bringt zur Bewältigung der vielfältigen Themen einen grossen Rucksack an betriebswirtschaftlichem Know-how mit: Als Leiter Steuerung und Controlling im Amt für Wirtschaft des Kantons Bern kennt er sich mit Planung, Finanzen, Führung und politischen Prozessen aus. Zuvor arbeitete der diplomierte Betriebswirt und Marketingplaner in leitenden Funktionen bei UBS, Visana und PostAuto – hauptsächlich in den Bereichen Marketingkommunikation und Managementsupport.

Viel zu tun – in kurzer Zeit

Die verbleibende Zeit bis zum Abschluss der Legislatur Ende 2025 will Lehmann nutzen, um die Weichen für die Zukunft zu stellen. Ganz oben auf der Prioritätenliste steht dabei die Stabilisierung der personellen Situation in der Gemeindeverwaltung. Die Auslagerung der Bauverwaltung, wiederholte Stellenwechsel und dünne Personaldecken haben das Funktionieren der Verwaltung zuletzt erschwert. „Wir brauchen ein stabiles Fundament für die kommende Legislatur, damit der neu gewählte Gemeinderat von Anfang an auf eine gut funktionierende Verwaltung zur Umsetzung der anstehenden Projekte zählen kann“, so Lehmann.

Zugleich soll der Baustart für die Erweiterung und Erneuerung des Schulhauses fristgerecht erfolgen – im wahrsten Sinn des Wortes „eine grosse Baustelle“ für die Gemeinde.

Langfristige Themen mit Breitenwirkung

Auch über das Legislaturende hinaus wartet auf den Kirchdorfer Gemeinderat viel Arbeit. Ein Schlüsselprojekt bleibt die laufende Ortsplanungsrevision. Seit dem Kreditentscheid der Gemeindeversammlung im Jahr 2021 wurden umfassende Grundlagen erarbeitet – darunter neue Zonenpläne, ein überarbeitetes Baureglement und ein Verkehrsrichtplan. „Hier geht es um nichts weniger als die künftige Entwicklung unseres Lebensraums“, betont Marco Lehmann. Parallel dazu prüft die Gemeinde die langfristige Sicherung der Trinkwasserversorgung. Im Auftrag der Gemeinde untersucht derzeit ein externes Fachbüro verschiedene technische Optionen für eine Zweitversorgung.

Ein öffentliches Amt – warum eigentlich?

„Es braucht Menschen, die bereit sind, Verantwortung zu übernehmen – nicht, weil sie alles besser wissen, sondern weil sie Zeit und Energie investieren wollen.“ Ein öffentliches Amt bedeute, sich mit ganz unterschiedlichen Themenbereichen auseinanderzusetzen. „Man muss sich einarbeiten, sich eine Meinung bilden und diese auch vertreten – das ist herausfordernd, aber auch bereichernd.“

Der zeitliche Aufwand ist nicht zu unterschätzen. Rund 10 bis 15 Stunden pro Woche bringt Lehmann durchschnittlich für sein Amt auf – meist an Abenden, teils tagsüber und vereinzelt auch am Wochenende. Möglich ist das nur dank der Unterstützung seiner Familie sowie jener seines Arbeitgebers, der ihm im Rahmen gewisser Grenzen zeitliche Flexibilität gewährt.

Trotz aller Belastung sieht Lehmann einen grossen persönlichen Gewinn: „Man lernt ständig dazu, gewinnt Einblick in neue Themenfelder und wächst an der Verantwortung.“

Wiederwahl? Noch offen.

Ob Marco Lehmann im Herbst 2025 erneut für das Gemeindepräsidium kandidieren wird, ist derzeit offen. „Die Frage ist nicht, ob ich will – sondern ob und wie es für Familie, Beruf, Gemeinde und Studium gleichzeitig tragbar ist.“ Seit 2024 absolviert Lehmann an der Berner Fachhochschule ein berufsbegleitendes EMBA-Studium. Gemeinsam mit seiner Frau Lilian Probst teilt er sich die Betreuung der beiden Kinder und stemmt daneben die 80-Prozent-Anstellung beim Kanton Bern sowie das Gemeindepräsidium.

Noch vor den Sommerferien will er zusammen mit seiner Familie eine Auslegeordnung machen, entscheiden und den Gemeinderat sowie die Parteipräsidien informieren. „Wenn ich nochmals antrete, dann nur mit der Gewissheit, dass ich das Amt auch in den kommenden Jahren mit vollem Engagement ausfüllen kann – alles andere kommt nicht infrage.“

Ein Wunsch an die Bevölkerung

Zum Schluss richtet Lehmann das Wort an die Bevölkerung rund um den Gerzensee „Ich wünsche mir einen respektvollen, kritisch-konstruktiven Dialog. Politisch Andersdenkende sind keine Gegner – sie sind Teil der Lösung. Wer Ideen hat, soll sie einbringen. Wer etwas bewegen will, soll mitmachen und anpacken.“

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